Don’t underestimate small acts of kindness/ Die Strahlkraft kleiner guter Taten

Es war im Februar 1976. Als Jugendlicher reiste ich damals gerade allein durchs südlliche Indien. Ich erinnere mich daran, nach einer langen und staubigen Fahrt von einem überfüllten Bus am Rande einer größeren Stadt auszusteigen. Es war schon dunkel und ich wanderte durch die Stadt auf der Suche nach einer billigen Unterkunft für die Nacht. Gerade als ich um eine Ecke bog, vernahm ich eine Stimme, die in meine Richtung zu schreien schien. Ich blickte hinüber und fand eine Frau am Straßenrand sitzen, die gerade dabei war Linsensuppe aus einem alten Kochtopf an ihre vielen Kinder auszuschöpfen. Sie bestand darauf, dass ich mich zu ihnen setzte und ein Schüssel Suppe mit Brot annahm. Ich war äusserst hungrig und dieses einfache Gericht schmeckte mehr als köstlich. Als ich aufblickte, sah ich die Frau mit einem Ausdruck wahrer Herzlichkeit und Genugtuung in ihrem Gesicht meine Genussfreude beobachten, eher als würde sie gerade ihren eigenen großgewordenen Sohn befüttern, anstatt eines Fremden.

Fast vierzig Jahre sind seitdem vergangen. Es muss bestimmt Zeiten während meinen Reisen gegeben haben, in denen ich unfreundlich behandelt wurde. Aber an solche kann ich mich im Moment nicht erinnern. Die Herzlichkeit von Menschen hingegen, wie die jener armen Frau, in Lumpen gekleidet mit ihren Kindern auf der Straße lebend, hat mich bis zum heutigen Tag nicht verlassen. Ich bitte euch alle: unterschätzt niemals die kleinen Taten der Güte. Sie bergen in sich eine Macht, eine Einflusskraft und eine Schönheit, die für eine sehr lange Zeit besteht.

Ajahn Jayasāro