Family-blindness/ Familienblindheit

Meistens sind es die engsten Familienmitglieder, die für die positiven Veränderungen in ihren geliebten Menschen am blindesten sind. Nirgendwo anders zeigt sich der festgefahrene Glaube an die Wahrheit der eigenen Wahrnehmungen von anderen Menschen so deutlich, wie innerhalb der Familie.

Der Ehrwürdige Sāriputta wurde vom Buddha als Höchster an Weisheit gepriesen, an zweiter Stelle nur nach ihm selbst. Der Ehrwürdige Sāriputta war in der buddhistischen Gemeinschaft desweiteren auch für seine außerordentliche Güte, sein großes Mitgefühl und seine Bescheidenheit bekannt. Und trotzdem hielt ihn seine eigene Mutter für einen vertrottelten Dummkopf.

Als sich einmal der Ehrwürdige Sāriputta mit einer Gruppe Schüler auf Wanderschaft befand, bemerkte er, dass er sich ganz in der Nähe des Hauses seiner Mutter befand, worauf er am darauffolgenden Morgen dann dorthin auf Almosenrunde ging. Zwar offerierte seine Mutter ihm und seinen Schülern Almosenspeise, jedoch beschimpfte sie ihn dabei mit groben und herablassenden Worten. Ruhig und ohne Gegenrede hörte sich der Ehrwürdige Sāriputta ihre Beschimpfungen an, und nach einer Segnungs-Rezitation zog er im Schweigen wieder fort. Erst gegen Ende seines Lebens war es ihm möglich, die Dankesschuld gegenüber seiner Mutter zurückzuzahlen, und brachte sie letztendlich zum Dhamma.

Ajahn Jayasāro