
Bei meinem allerersten Theaterbesuch schaute ich mir zwei kurze Stücke von Tom Stoppard an. Das Stück, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist, hieß „After Magritte“. Darin öffnet sich der Vorhang kurz und gibt den Blick auf eine total surreale Szene frei. Dann fällt der Vorhang wieder und öffnet sich erneut, diesmal auf denselben Raum (das Wohnzimmer eines kleinen Hauses), der ganz normal aussieht. Das Publikum merkt, dass es sich jetzt in einer Zeit vor der ersten Enthüllung befindet. Das Stück zeigt uns dann seine Figuren, die eine Reihe normaler, banaler Entscheidungen treffen, die sich auf geniale Weise in der Eröffnungsszene zusammenfügen. Die Idee, dass bizarre und extreme Situationen der Höhepunkt einer allmählichen Anhäufung von nicht-bizarren und gewöhnlichen Faktoren sind, hat mich tief beeindruckt. Seitdem muss ich jedes Mal, wenn ich mich dabei ertappe, zu denken: „Wie konnten sie nur …?“, an diese Wahrheit denken.
Heutzutage wird so viel Wert auf Gefühle gelegt, aufs Vertrauen in das eigene Herz und so weiter, dass ein wichtiger Punkt oft übersehen wird. In vielen Bereichen des Lebens sind es die kleinen, unbedeutenden Entscheidungen, die unser Herz überhaupt nicht berühren, die nach und nach unsere Zukunft gestalten. Das ist ein weiterer Grund, warum ethische Regeln so wichtig sind. Als Objekte der Achtsamkeit bieten sie stabile, eindeutige Maßstäbe für Handeln und Sprechen, die ein unbewusstes Abgleiten ins Unheilsame verhindern.
Ajahn Jayasāro
9/12/25
