Achtsamkeit beim Sprechen ist nicht einfach 

Achtsamkeit beim Sprechen ist nicht einfach. Der Rat, nachzudenken, bevor man spricht, scheint sich in einem lebendigen Gespräch kaum praktisch umsetzen zu lassen. Wir können jedoch die Fähigkeit entwickeln, Worte schon im Entstehen im Licht unserer Werte wahrzunehmen.
Dazu beginnen wir mit dem Einfachen oder zumindest mit dem Einfacheren. Wir alle kennen Situationen, in denen wir etwas sagen wollten, es aber aus dem einen oder anderen Grund nicht konnten. Das kann zum Beispiel mitten in einem Schweigeretreat sein oder in einer Besprechung, wenn wir noch nicht an der Reihe sind, auf einen strittigen Punkt zu antworten. Wie auch immer die Situation sein mag, wir nehmen die Worte, die wir sagen möchten, in unserer Brust wahr, vielleicht steigen sie sogar in Wellen bis in den Hals auf. Die Übung besteht darin, sie zu beobachten und sie im Gedächtnis zu behalten.
Dieselben Empfindungen treten auch während eines Gesprächs auf. Ein offensichtliches Beispiel ist, wenn jemand auf uns einredet, statt mit uns zu sprechen, und unsere Worte keinen Ausdruck finden. Sie treten jedoch ebenso in ungezwungenen, stressfreien Gesprächen auf. Wenn wir eine ausreichende Sensibilität für diese Empfindungen entwickelt haben, entsteht ihnen gegenüber ganz von selbst Achtsamkeit. Schon nach erstaunlich kurzer Zeit kommen Kriterien für Rechte Rede wie Wahrhaftigkeit, das Wohl anderer, der richtige Zeitpunkt und die Abwesenheit von Geistestrübungen in den Sinn und prüfen die Worte, die im Begriff sind, gesprochen zu werden. Je klarer uns diese Maßstäbe sind und je entschlossener wir ihnen folgen, desto besser. Mit der Zeit geschieht dies ganz von selbst. Es ist eine wunderbare Veranschaulichung der Kraft des Geistes.

Ajahn Jayasāro
27/6/26