Einmal erzählte mir eine Lehrerin von einem bestimmten Schüler, den sie für das Nichtbeachten der Gemeinschaftsordnung maßregelte. Dieser Schüler jedoch rechtfertigte sich einfach damit, dass dieses Verhalten seiner Persönlichkeit entspräche. Mit anderen Worten, ihn zu beten, Regeln, die er nicht einhalten wollte, zu befolgen, war zwecklos. Er war trotz allem höflich und respektvoll und konnte sich sogar in das Dilemma der Lehrerin hineinversetzen und ihre Gefühle nachvollziehen – aber was konnte er tun? Mit dem Befolgen von Regeln würde er doch seine Identität verleugnen, genau das, was er in Wahrheit sei und ihn ausmache. Er war ein Künstler, ein Freidenker, ein Nonkonformist. Er brachte die Lehrerin schon fast so weit, sich zu fühlen, als wolle sie einem Vogel das Singen verbieten.
Verblendungen aufzugeben ist niemals eine leichte Angelegenheit. Aber was es besonders schwierig macht, ist, wenn wir an einer Sichtweise festhalten, dass eine bestimmte Verblendung ein essenzieller Teil von dem sei, wer wir sind. Selbstdisziplin ist für fast jeden eine Herausforderung. Wenn wir jedoch mit Ausdauer und Geduld, Intelligenz und Selbstvergebung uns beharrlich bemühen, werden wir schon bald Fortschritte sehen. Ist aber jemand noch stolz auf seine Charakterschwäche und betrachtet sie als eine seiner definierenden Eigenschaften, wird ein Fortschritt im Dhamma beinahe unmöglich.
Ajahn Jayasāro
