Schmerzen ohne Leiden

Gestern habe ich ein neues Wort gelernt: Nozizeption. Der Begriff ist definiert als der neuronale Prozess der Kodierung und Verarbeitung von Reizen – thermisch, mechanisch oder chemisch -, die das normale Gewebe schädigen oder zu schädigen drohen. Nozizeption ermöglicht es uns, potenziell gewebeschädigende Phänomene wahrzunehmen und zu vermeiden.
Nozizeption ist nicht gleich Schmerz. Die Unterscheidung zwischen beiden ist inzwischen allgemein anerkannt (siehe die Schmerzdefinition des IASP). Das Erleben von Schmerz ist nicht nur pathologisch bedingt. Es wird auch durch emotionale, kognitive, soziale und kulturelle Faktoren geprägt. 
Negative Emotionen wie Angst, Depression, Furcht und Frustration verstärken das subjektive Schmerzempfinden. Sie können auch physiologische Veränderungen auslösen (z. B. durch die Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol), die das körperliche Unbehagen verschlimmern. Es entsteht ein unglücklicher Zyklus von Wechselwirkungen.
Negative Gedanken und Überzeugungen können die wahrgenommene Intensität und die Wirkung von Schmerzen verstärken. Das sinnlose Grübeln über den Schmerz kann zu einer „Schmerzkatastrophisierung“ führen. Wenn man sich mit Gedanken der Hilflosigkeit aufhält und an negative Erwartungen glaubt, hat das Auswirkungen darauf, ob man sich notwendigen Behandlungen unterzieht oder nicht.
Nicht zuletzt beeinflussen die Menschen um uns herum, die Gesellschaft und die Kultur, wie wir Schmerzen verstehen und wie wir mit ihnen umgehen. Das Gefühl, den Schmerz vor anderen verbergen zu müssen, kann zum Beispiel intensive Gefühle der Einsamkeit und Entfremdung hervorrufen. Der Schmerz wird verstärkt. Keine Freunde zu haben, macht alles noch schlimmer.
Die gute Nachricht ist, dass wir im Gegensatz zu den körperlichen Ursachen des Schmerzes, die vielleicht nur schwer zu beheben sind, die emotionalen und kognitiven Elemente reduzieren oder sogar beseitigen und uns bewußter auf unsere Umgebung einstellen können. Schmerz ohne Leiden ist ein realisierbares Ziel.

Ajahn Jayasāro 
8/4/25