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Der Stellenwert von Konventionen

1976 wurde ich in Teheran in eine Familie eingeladen. Ich lebte drei Monate lang bei ihnen und wurde sehr freundlich behandelt. Es war nicht immer einfach. Ich musste mich an viele ungewohnte Bräuche gewöhnen. (Ich erinnere mich noch gut an meine Verlegenheit, als ich mit männlichen Freunden, am kleinen Finger eingehakt die Straße entlanglaufen sollte.) Aber ich war aufmerksam und interessiert an der Kultur und konnte es meistens vermeiden, jemanden zu beleidigen.
Eine Sache fiel mir auf, wie schon an anderen Orten auf meinen Reisen, wie nämlich jeder seine eigenen Bräuche als eine Art universelle Norm ansah und die der anderen als Abweichungen – charmant, faszinierend, seltsam oder auch abstoßend.
Nachdem ich den Iran verlassen hatte und meine buddhistischen Studien voranschritten, erkannte ich, dass diese absolute Wertung sozialer Konventionen ein Ausdruck von Unwissenheit (avijjā) ist, der so viele Vorurteile und Gewalt mit sich bringt.
Ajahn Chah sprach oft davon, Konventionen zu verstehen. Er sagte, es sei nicht notwendig, Konventionen aufzugeben, sondern sie einfach als das zu sehen, was sie sind. Er bezog sich dabei natürlich nicht in erster Linie auf soziale Konventionen, sondern auf die Gesamtheit unserer Wahrnehmungen, Interpretationen, Überzeugungen und Ansichten über uns selbst und die Welt, in der wir leben. Er sagte, Befreiung liege in der tiefen Einsicht, dass Konventionen Konventionen sind. Nicht mehr und nicht weniger.

Ajahn Jayasāro
16/8/25

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