(Außer-)Gewöhnlich

In einer meiner Lieblingsgeschichten greift ein tibetischer Bandit mit seinen Leuten eine Karawane an und sticht dabei aus Versehen mit seinem Schwert auf ein hochschwangeres Pferd ein. Durch den Schock kommt das Fohlen der Stute zur Welt.
Mit ihren letzten Atemzügen leckt die Stute ihr Fohlen. Als er ihre selbstlose Hingabe sieht, selbst am Ende ihres Lebens und in qualvollen Schmerzen, ist der Bandit tief bewegt. Er sieht seine eigene gefühllose Missachtung des Lebens plötzlich in einem neuen Licht. Er gibt sein gewalttätiges Leben auf und wird ein großer Mönch. Ich glaube, dass diese Geschichte wahr ist.
Es ist leicht zu verstehen, warum man für zeitlose Wahrheiten empfänglich ist, wenn sie so lebendig und unvergesslich präsentiert werden. Die Herausforderung besteht jedoch darin, diese Empfänglichkeit auch auf Wahrheiten auszudehnen, die sich in bescheideneren und banaleren Ereignissen offenbaren.
Bei der Dhamma-Praxis geht es darum, zu lernen, wie wir uns für die Wahrheiten unseres Lebens empfänglich machen können. Die alltäglichen Details unseres Daseins sind ebenso reich an Lehren wie die dramatischen und einzigartigen Ereignisse. Das Geschwätz in unserem Geist zu reduzieren, ist an sich schon angenehm, aber vor allem verschafft es uns eine Offenheit für den wortlosen, unaufdringlichen Dhamma, der sozusagen vor unseren Augen verborgen ist und still im Alltäglichen wohnt.

Ajahn Jayasāro
8/11/25