Ein revolutionärer Sprung im Bewusstsein

Stell dir vor, du solltest die Aufgabe übernehmen, einen Strom von Menschen zu beobachten, die durch eine Tür kommen. Du musst lediglich beobachten, welche von ihnen weiß gekleidet sind. Bei dieser Aufgabe können andere Wahrnehmungen wie Mann, Frau, groß, klein, attraktiv, unattraktiv usw. kurz im Geist auftauchen, aber nur am Rande des Bewusstseins. Indem du einen einzigen Faktor – weiße Kleidung – priorisierst, rückst du automatisch alles andere in den Hintergrund.

Ähnlich verhält es sich mit Meditierenden, die sich auf ein Objekt wie den Atem konzentrieren und alle anderen mentalen Aktivitäten in den Hintergrund stellen. Gedanken und Erinnerungen, unabhängig von ihrem Inhalt, werden einfach zu „nicht dem Atem”. Meditierende, die sich schwer tun, beim Atem zu bleiben, werden leicht entmutigt. Was sie oft übersehen, ist, dass, nachdem ihr Geist vom Atem abgelenkt wurde und sich Begierden oder Abneigungen, Trägheit, Unruhe oder Zweifel eingeschlichen haben, bereits eine bedeutende Veränderung in ihrem Geist stattgefunden hat. Ihre Identifikation mit mentalen Zuständen als „ich“ oder „mein“, ihre Annahme, dass sie ihnen gehören, wurde radikal untergraben. Die Wahrnehmung mentaler Zustände als einfach unpersönliche Geisteszustände, die entstehen und vergehen, ist nun entstanden. Das ist ein revolutionärer Sprung im Bewusstsein.

Allzu oft übersehen Meditierende den wichtigsten langfristigen Gewinn von Meditation – das Verstehen der Dinge, wie sie sind, als direkte Erfahrung – zugunsten der kurzfristigen Vorteile positiver geistiger Zustände.

Ajahn Jayasāro
20/1/26