Die falsche Weisheit nachträglicher Einsicht

Im Nachhinein ist jeder klug. Oder wenn nicht gerade klug, dann zumindest klüger. Zumindest fühlt es sich so an. Plötzlich sehen wir all die Dinge, die wir hätten tun sollen und nicht getan haben, die wir nicht getan haben und hätten tun sollen; all die Dinge, die wir hätten sagen sollen und nicht gesagt haben, all die Dinge, die wir nicht hätten sagen sollen, aber trotzdem gesagt haben. Diese Weisheit im Nachhinein ist besonders überzeugend, wenn man sich gerade von einem geliebten Menschen getrennt hat. Wir vergessen, dass wir oft sozusagen ohne Landkarte durch eine neblige Senke gestapft sind. Wir denken, wir hätten es besser machen sollen.
Der Buddha lehrt uns anzuerkennen, dass viele komplexe und unermessliche Faktoren unser Leben beeinflussen. Wir können nie ganz sicher sein, dass unsere Entscheidungen, egal wie gut durchdacht sie auch sein mögen, zu einem guten Ergebnis führen werden. Wir finden Zuflucht in der Aufrichtigkeit, mit der wir sie getroffen haben, nicht in ihren Ergebnissen.
Es mag durchaus Situationen gegeben haben, in denen wir nicht so gut gehandelt oder gesprochen haben, wie wir es hätten tun können. Geistestrübungen spielen in unserem Leben eine konstante Rolle. Aber uns selbst dafür zu beschimpfen, dass wir mit getrübtem Geist gehandelt haben, ist genauso absurd, wie zu sagen, dass wir in der Vergangenheit andere, reinere Menschen hätten sein sollen. So waren wir damals, aber wir sind nicht dazu verdammt, für immer so zu sein.
Wenn jemand, der dir lieb ist, stirbt, lass nicht zu, dass Schuldgefühle, Reue und die falsche Weisheit nachträglicher Einsichten dir die guten Erinnerungen rauben, die dir sonst Trost spenden könnten. Wann immer ein Gedanke an den geliebten Menschen in deinem Geist auftaucht, unterdrücke ihn nicht, schwelge nicht darin. Behalte das Bild im Geist und sende Gedanken voller Metta: „Mögest du wohlauf sein! Mögest du glücklich sein!“

Ajahn Jayasāro
7/4/26