Heute: drei Betrachtungen

Der innere Richter, der innere Kritiker, der innere Bewerter – das sind einfach nur Stimmen in unserem Kopf. Sie geben sich autoritär, aber das liegt nur daran, dass wir ihnen diese Macht geben. Wir sind wie das Kind, das den Schatten eines Tigers an die Schlafzimmerwand wirft und sich dann davor fürchtet.

Es gibt Menschen, die stolz darauf sind, scharfsinnige Beobachter der menschlichen Natur zu sein, die sich nicht so leicht täuschen lassen. Aber was sie damit meinen, dass sie schwer oder gar nicht zu täuschen sind, hält einer genaueren Betrachtung kaum stand. Meist läuft es darauf hinaus, dass sie die negativsten Interpretationen von Menschen und Situationen als ihre standardmäßige Sichtweise auf die Welt übernehmen. Eine zynische Haltung als realistisch anzusehen, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass jemand kein Bewusstsein dafür hat, wie der Verstand funktioniert. Oder die Welt, wenn wir schon dabei sind.

Die beste Erholung für den Geist ist es, aus der „Jemand“-Welt herauszutreten, in der wir alle in unserem Alltag leben, und ein erfrischendes Bad in der „Niemand“-Dimension zu nehmen, die immer für uns da ist, wenn wir uns ihr einfach zuwenden. Schon ein paar achtsame Atemzüge hintereinander reichen aus, und unsere Identitäten als Eltern, Söhne oder Töchter, Ehepartner, Chefs oder Angestellte, ja sogar unsere Namen und unser Geschlecht, verschwinden aus dem Bewusstsein. Es ist, als hätten wir gerade unsere Handys ausgeschaltet und würden wahrnehmen, was um uns herum wirklich vor sich geht. Zunächst üben wir, aus der „Jemand“-Dimension unseres Lebens in die „Niemand“-Dimension zurückzutreten, damit wir uns nicht zu sehr im Drama unseres Lebens verstricken. Aber nach einiger Zeit können wir anfangen, das „Niemand“ zu spüren, das durch das „Jemand“ hindurchscheint. Und das ist etwas Wunderbares.

Ajahn Jayasāro
28/7/26