
Was mich als Jugendlichen unter anderem zum Buddhismus hinzog – und mich seither immer wieder beschäftigt hat – ist die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Innen und Außen. Dass der Buddha diesem Verhältnis große Bedeutung beimaß, zeigt sich darin, dass er den Weg zur Befreiung als Dhamma-Vinaya bezeichnete. Es ist eine allumfassende Schulung, die unsere innere und äußere Welt, Geist und Körper/Verhalten sowie uns selbst und andere einbezieht.
Dhamma befasst sich damit, wie die Dinge sind, warum sie so sind, welche Geisteszustände die Wahrheit verhüllen und Leiden verursachen und welche Geisteszustände die Wahrheit offenbaren und Leiden beseitigen. Vinaya bezeichnet all die Mittel, mit denen wir das Studium, die Praxis und die Verwirklichung des Dhamma unterstützen können. Auf gesellschaftlicher Ebene kann Vinaya die Form von Gesetzen, Vorschriften, Protokollen, Vereinbarungen, Bräuchen, Traditionen und Ähnlichem annehmen. Auf individueller Ebene bezeichnet es die freiwillige Annahme von Grenzen für das eigene Verhalten, das heißt von Übungsregeln, sowie Sinneszügelung, Mäßigung und rechten Lebenserwerb. Der Buddha war „vijjācarana sampanno“, vollkommen in Wissen und Verhalten. Er erklärte den Vorrang des Geistes, übersah jedoch nie die Bedeutung der materiellen Welt.
Wenn es uns an einer ausreichenden und verlässlichen Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft oder am Zugang zu medizinischer Versorgung im Krankheitsfall fehlt, ist eine beständige Dhamma-Praxis nahezu unmöglich. Wenn wir unseren Körper schlecht behandeln, wenn wir unehrlich sind oder uns gegenüber den Menschen in unserem Umfeld schlecht verhalten, erzeugen wir am Ende genau jene Geistestrübungen, die wir in der Meditation aufzugeben versuchen. Die Lehren des Buddha bilden ein ganzheitliches System, in dem jeder Teil seine eigene Aufgabe hat. Wir geben das Unheilsame auf, entwickeln das Heilsame und läutern unseren Geist, wobei wir je nach Zeit und Ort das eine oder das andere betonen.
Ajahn Jayasāro
15/8/26
