Gedächtnistraining

Die alten indischen Methoden zum Auswendiglernen von Texten waren wirklich unglaublich ausgefeilt. Um zu verhindern, dass Wörter verloren gingen oder Abweichungen im Text entstanden, lernten die Gedächtniskünstler nicht nur den gesamten Text auswendig, sondern auch verschiedene Textteile in unterschiedlichen Mustern. Am einfachsten war es, wenn sie den Text in aufeinanderfolgenden Wortpaaren auswendig lernten (1–2, 2–3, 3–4…). In der „Girlande“ ordneten sie Wörter in komplexen, ineinander verwobenen Sequenzen an, die Blumenarrangements ähnelten. Mein Favorit ist der „Streitwagen“, bei dem mehrwortige Segmente symmetrisch vorwärts und rückwärts gedreht werden, wie die Räder eines Streitwagens. Die auf diese Weise auswendig gelernten Texte zeichnen sich durch eine hohe Zuverlässigkeit aus.

Auch andere Gedächtnisfähigkeiten wurden ausgiebig trainiert, vor allem in den südindischen Telugu- und Kannada-Kulturen. Bei einigen Wettbewerben mit 100 Aufgaben, die viele Stunden dauerten, wurde während der gesamten Veranstaltung in zufälligen Abständen eine Glocke geläutet. Die Teilnehmer mussten die Anzahl dieser Glockenschläge im Kopf mitzählen, während sie eine Reihe von Aufgaben erledigten. Dazu gehörten das spontane Abtippen poetischer Verse nach streng willkürlichen Regeln, das Lösen mathematischer Probleme, das Merken von Gegenständen und Gerüchen sowie Sätze in einer Fremdsprache. Und das alles, während ein Komiker versuchte, sie mit Witzen und philosophischen Betrachtungen abzulenken. Am Ende mussten die Teilnehmer die Anzahl der Glockenschläge wiedergeben können (manchmal wurden diese durch Blumen ersetzt, die ihnen auf den Rücken geworfen wurden). Das ist der erste mir bekannte Fall eines gezielten Trainings im Multitasking.

Unser Gedächtnis ist zwar nicht mit dem der oben Genannten zu vergleichen, aber es lässt sich trainieren, um besser zu werden, als es derzeit ist. Das Auswendiglernen von Texten ist eine der besten Übungen, die du für dein Gehirn machen kannst, besonders mit zunehmendem Alter. Die Gedächtnisathleten von einst weisen uns auf unser ungenutztes Potenzial hin.

Ajahn Jayasāro
18/8/26