
Als ich zehn Jahre alt war, zog meine Familie in eine Stadt im Osten Englands. Im Winter wehen dort bitterkalte Winde. Bald erfuhr ich, dass sie direkt aus Sibirien herüberkommen. Aber es waren weniger die Winterwinde, die mich als Kind bedrückten, oder die kurzen Tage, sondern vielmehr die kahlen, blattlosen Bäume.
Hier in Thailand verlieren Bäume ihre Blätter in der heißen Jahreszeit und nicht in der kalten. In meiner Einsiedelei habe ich viele immergrüne Pflanzen gesetzt, um eine zu große Trostlosigkeit zu vermeiden. Trotzdem bemerkte ich zu Beginn der heißen Jahreszeit oft eine unterschwellige Unzufriedenheit mit den kahlen Bäumen um mich herum – ein Echo meiner kindlichen Abneigung – und eine immer wiederkehrende Sehnsucht nach Regen, der bald kommen und das üppige Grün des Waldes schnell wiederherstellen sollte.
Eines Tages kam mir eine Wahrheit in den Sinn, die ich schon lange kannte: Bäume verlieren ihre Blätter, um Wasserverluste zu vermeiden. Ich begann, diese Bäume mit anderen Augen zu sehen. Ihre Kahlheit schien mir nun ein Ausdruck von Geduld zu sein: Sie taten ihr Bestes, um zu überleben, obwohl ihnen ihr grundlegendstes Bedürfnis vorenthalten wurde. Allein durch die Veränderung der Geschichte in meinem Kopf – nicht durch Wunschdenken, sondern indem ich bisher übersehene Fakten berücksichtigte – änderte sich alles.
Wenn ich heute meinen täglichen Abendspaziergang mache, sehe ich eine gewisse Schönheit in den blattlosen Bäumen und empfinde Mitgefühl für sie. In Gedanken ermutige ich sie oft, durchzuhalten. Ich versichere diesen Bäumen, dass dies vorübergehen wird.
Ajahn Jayasāro
11/2/25
