Die Freude am wachen, nicht denkenden Geist

Zielloses Denken, Denken um des Denkens willen, uddhacca, ist eine Gewohnheit, die leicht zur Sucht wird. Für die meisten Menschen ist es der Grundmodus ihres Bewusstseins. Das Problem dabei liegt nicht unbedingt im Inhalt des Denkens, sondern vielmehr darin, dass es den Zugang zu den tieferen Dimensionen des Geistes verhindert. Es lässt uns an der Oberfläche des Lebens entlanggleiten.

Aber es wäre unklug, das Denken als Feind zu betrachten. Wir müssen nicht dagegen ankämpfen, um es zu überwinden. Der erste Schritt zur Befreiung vom sinnlosen Denken, sozusagen dem Hintergrundrauschen des Gehirns, besteht darin, einen Weg zu finden, sich dabei zu langweilen.

Wenn der Geist zum Beispiel während der Meditation hin und her springt, versuche nicht, ihn zu stoppen. Füge stattdessen gedanklich eine Pause zwischen den einzelnen Wörtern des Satzes ein. Erlaube dir, in Zeitlupe zu denken. Nach kurzer Zeit wirst du dich unwohl fühlen und von dem Gedankengang gelangweilt sein. Dann kannst du aus freier Entscheidung und nicht aus Pflichtgefühl zum Meditationsobjekt zurückkehren.

Wenn du das tust, nimm das angenehme Gefühl der Gedankenfreiheit wahr, das dabei entsteht. Durch wiederholte Momente der Enttäuschung über das Denken und der Wertschätzung der Freude am wachen, nicht denkenden Geist schaffst du einen gesünderen Grundmodus des Bewusstseins.

Ajahn Jayasāro
19/05/2019