Der Unterschied zwischen Mut und Leichtsinn

Eines Tages erzählte Ajahn Chah der Sangha, wie er als junger Mönch einmal buchstäblich vor einer schwierigen Situation davonlief. Das war so: Er hielt sich eine Zeitlang zusammen mit einem männlichen Laienunterstützer in einem verlassenen Kloster auf. Eine junge Witwe begann, jeden Morgen mit ihrem Sohn vorbeizukommen, um ihm Essen anzubieten. Nach ein paar Tagen wurde er misstrauisch gegenüber den Absichten der Witwe ihm gegenüber. Sie schien zu versuchen, ihren süßen, liebenswerten kleinen Sohn als Mittel zu benutzen, um eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen. Es funktionierte. Er verspürte eine wachsende Anziehungskraft gegenüber der Witwe. Eines Nachts wachte Ajahn Chah schweißgebadet auf. Er weckte seinen Laienbegleiter. Sobald sie ihre Habseligkeiten zusammengesucht hatten, machten sie sich, vom Mondlicht geleitet, auf den Weg in den Wald.
Ajahn Chah lehrte uns immer, mutig zu sein und uns unseren Problemen zu stellen, das Feuer zu löschen, wo immer es brennt. Gleichzeitig lehrte er uns, realistisch zu sein und unsere gegenwärtigen Grenzen demütig anzuerkennen. Wenn wir wissen, dass wir einen aussichtslosen Kampf führen, ist es am besten, sich auf höher gelegenes Terrain zurückzuziehen und sich neu zu formieren. Tatsächlich zog sich Ajahn Chah nicht vor dem eigentlichen Problem zurück – den Geistestrübungen in seinem Herzen –, sondern er zog sich aus einer Situation zurück, die diese Geistestrübungen in einem Maße hervorrief, dem er noch nicht gewachsen war. Indem er diese Geschichte erzählte, erinnerte er uns alle an den entscheidenden Unterschied zwischen Mut und Leichtsinn.

Ajahn Jayasāro
2/6/26